Schwierige Schönheit

Der Weimaraner ist wunderschön und extrem anspruchsvoll
Die schwierige Schönheit
Ein Jagdhund in Privathand? Jeanette Hutfluss weiß: Zwischen Traum und Albtraum liegt zumindest bei der Weimaraner-Haltung nur ein schmaler Grat.
Den wunderschönen blauen Welpenaugen und der außergewöhnlichen grauen Fellfarbe kann kaum jemand widerstehen. Durch die Präsenz in den Medien und durch den Fotokünstler William Wegman, der durch seine Weimaraner in kunstvollen Posen weltberühmt wurde, kennt diese Rasse inzwischen fast jeder. Das ermuntert dazu, sich diesen Hund anzuschaffen, ohne über seine Ursprungsverwendung nachzudenken. Ja, Weimaraner sind wunderschön, aber es stecken viele Eigenschaften in ihnen, die diese Hunde extrem anspruchsvoll machen – ein Weimaraner ist nichts für nebenher, er ist ein Fulltime-Job!

Der Weimaraner ist ein Jagdgebrauchshund mit Schutztrieb und Raubzeugschärfe
Schutztrieb inklusive
Der Weimaraner wird seit über 110 Jahren für die Jagd, ursprünglich für Förster, gezüchtet. Zuchtziel war nicht nur die Befähigung zum vielseitigen Jagdhelfer, sondern man wollte einen Hund, der außerdem Haus und Hof bewacht und seinen Besitzer schützt. Sein Schutztrieb ist neben dem Jagdtrieb nicht zu unterschätzen: Er steckt in jedem dieser Hunde, egal woher er kommt, und man muss immer damit rechnen, dass der Vierbeiner ihn auch zeigt. So ist es unabdingbar, einen weimaraner auf jedem Spaziergang sofort abzurufen, sobald man Menschen begegnet, denn er könnte sie als Gefahr einstufen und stellen. Zu Hause behält der Weimaraner jeden Besucher genau im Auge – auch hier muss der Hund entweder perfekt im Gehorsam stehen oder aber man bringt ihn vorsorglich in ein anderes Zimmer. Altagssituationen wie die herzliche Umarmung eines Bekannten kann der Hund falsch interpretieren und darin eine Gefahr für seinen Besitzer sehen.
So mancher Vierbeiner wird von Kindern bedrängt und geärgert – schnappt er daraufhin, wird die Schuld meist zu Unrecht bei ihm gesucht. Sind Kinder schon etwas vernünftiger (ab etwa 10 Jahren), ist die Weimaraner-Haltung wesentlich einfacher und sicherer – viele weimaraner haben allerdings keine so hohe Toleranzschwelle wie einige andere Hunderassen. Ihr Schutztrieb kann, wenn die Kinder Besuch bekommen, der sich aus Hundesicht unberechenbar verhält, ein Problem darstellen. Ganz wichtig: Weimaraner sind nicht grundsätzlich aggressiv – aber durch den Schutztrieb ist das Potential dazu vorhanden.

Seine schönen blauen (später bernsteinfarbenen) Augen und sein elegantes silbergraues Fell haben den Weimaraner zum Medienliebling gemacht
Schwarzzüchter
Nicht zu vergessen ist natürlich der Jagdtrieb – Weimaraner sind hervorragende Jagdhunde, die aufgrund ihrer Vielseitigkeit im jagdlichen Einsatz sehr geschätzt werden. Für Nicht-Jäger stellt es keine leichte Aufgabe dar, dem Weimaraner zu vermitteln, dass er sich am Wild oder auf einer Spur jederzeit abrufen lassen muss. Kein Wunder also, dass der Weimaraner-Klub, bei dem es ausschließlich Weimaraner mit den „richtigen“ Papieren zu kaufen gibt, nicht begeistert ist, wenn Nicht-Jäger diesen Hund halten wollen. Der Verein vermittelt Welpen deshalb fast nur an Jäger.
Daraus ergibt sich allerdings ein Problem: Interessenten ohne Jagdschein nutzen andere Möglichkeiten, um an einen Weimaraner zu kommen…
Schwarzzüchter haben diese Marktlücke schon lange erkannt und vermehren Weimaraner – meist ohne auf Gesundheit und Wesen zu achten. So gibt es leider inzwischen immer mehr Gesundheits- und Wesensprobleme bei Hunden dieser Rasse.
Kopfarbeit der besonderen Art - Der Apport von leckeren (und nicht bissfesten) Würstchen erfordert einige Übung.
Auslastung ist Pflicht
Weimaraner sind äußerst sensible Hunde, die man nicht mit Härte erziehen darf. Sie sind sehr intelligent und brauchen täglich nicht nur viel Auslauf, sondern müssen auch „mental“ ausgelastet werden. Wenn man einen Weimaraner nicht jagdlich führt, muss man ihm unbedingt eine andere regelmäßige Beschäftigung bieten. In Betracht kommen etwa Dummy-, Fährten-, Rettungshundearbeit oder das Mantrailing.
Ein unterforderter Weimaraner, der seine erblich bedingten Triebe nicht ausleben darf, wird sich andere Ventile suchen: Er beginnt Jogger, Radfahrer oder Züge zu jagen oder eben Spaziergänger zu verbellen und zu stellen. Zu Hause dekoriert ein gelangweilter Weimaraner, wenn er alleine ist, gerne die Wohnung um…
Und unterwegs? Dieser Hund hat einen großen Radius. Man muss ihn wirklich jede Sekunde im Auge behalten, um ihn rechtzeitig abrufen zu können. Einfach „nur“ spazieren zu gehen, ist ihm viel zu langweilig. Diesen Hund aber immer nur an der Leine führen zu müssen, wäre jedoch nicht nur für ihn, sondern auch für seinen Besitzer eine Qual. Man muss schon sehr viel Zeit in seine Erziehung investieren, um ihn jederzeit überall abrufen zu können. Selbst wenn man gut gearbeitet hat: Weimaraner hinterfragen ihr Leben lang, ob die getroffenen Vereinbarungen noch gelten und nutzen jede Möglichkeit, die sich ihnen bietet, um ihrem Halter, „aus der Hand zu gehen“. Darauf muss man jeden Tag, rund um die Uhr, gefasst sein. Ist man es nicht, wird aus dem Traumhund schnell ein Albtraumhund!
Überforderte Halter
Einige Halter von Weimaranern im Alter zwischen zwei und vier Jahren fühlen sich völlig überfordert, denn dann erst sind bei ihrem Spätentwickler Jagd- und Schutztrieb voll ausgeprägt. In diversen Internetforen findet man auf Anhieb Menschen, die große Probleme mit ihrem Weimaraner haben. Viele Rassevertreter werden in besagtem Alter abgegeben. Unter www.krambambulli.de findet man beispielsweise solche traurigen Schicksale, die oft nur in sehr erfahrene Hände weitervermittelt werden können. Wenn Sie sich ernsthaft für diese Rasse interessieren, bitte ich Sie im Interesse dieses wundervollen Hundes, sich ganz genau zu informieren! Bitte hinterfragen Sie ganz ehrlich, ob Sie genügend Zeit, Geduld und Konsequenz aufbringen können. Falls Sie erwägen, den Jagdschein zu machen, wenden Sie sich an den Jagdverband in Ihrer Nähe und fragen Sie, ob es in den nahegelegenen Revieren z.B. genügend Niederwild gibt und ob Sie später Gelegenheit haben, an Jagden teilzunehmen. Denn was bringen Ihnen der Jagdschein und ein jagdlich ausgebildeter Hund, der nicht regelmäßig eingesetzt werden kann?
Auch als Mitglied einer Rettungshundestaffel muss man sehr viel Zeit investieren und jederzeit kann ein Einsatz erforderlich sein – lässt sich das mit Ihrem Privatleben vereinbaren?
Wenden Sie sich direkt an Weimaraner-Halter, treffen Sie sich, gehen Sie auf Spaziergängen mit. Man kann nicht beschreiben, wie ein Weimaraner ist – man muss ihn „live“ erleben. Nur so ist später gewährleistet, dass man viel Freude an diesem Power-Hund hat.
Eigene Erfahrung
Seit vier Jahren führe ich einen Weimaraner-Rüden, den ich mit Dummyarbeit und täglichen Such- und Kopfaufgaben beschäftige. Da mir bewusst war, was ich mir ins Haus hole, habe ich vom ersten Tag an sehr viel Zeit in die Erziehung investiert und diverse Hundeschulen besucht. Ich musste feststellen, dass es leider in meinem Umkreis keine gibt, die sich mit Jagdhunden, und schon gar nicht mit Weimaranern, auskennt.
Wir waren dank der Intelligenz meines Rüden die „Streber“ in jeder Hundeschule, doch weil er so schnell lernte, war ihm das Programm auf dem Hundeplatz schnell zu langweilig. Bei Themen wie dem Jagdtrieb konnten mir leider die Trainer nicht wirklich weiterhelfen.
Also half ich mir selbst, indem ich mich mit vielen Jagdhundehaltern und Weimaraner-Besitzern traf. Ich verschlang Bücher und DVDs (z.B. von Anton Fichtlmeier) und suchte mir aus all dem, was ich „aufsaugte“, das heraus, was mir wichtig erschien, ich umsetzen konnte und was zu mir und meinem Hund passte.
Es war ein steiniger, anstrengender und zeitintensiver Weg, der sich gelohnt hat – wir sind inzwischen ein tolles Team. Jedoch gab und gibt es Tage, an denen ich mich frage, warum ich mir diese Rasse „angetan“ habe!
Bandit ist mein Traumhund und ich würde ihn für nichts in der Welt hergeben. Doch manchmal beneide ich andere Hundebesitzer, die gedankenverloren oder im Gespräch mit anderen vertieft gemütlich spazieren gehen – davon kann ein Weimaraner-Besitzer nur träumen!
Info:
Jeanette Hutfluss (Jahrgang 1971) ist Tierfotojournalistin und lebt mit ihrem Weimaraner-Rüden Bandit und ihrer Familie in Ludwigsburg.

Tierfotojournalistin Jeanette Hutfluss mit ihrem Weimaranerrüden Bandit
Dieser Erfahrungsbericht ist im Magazin „Der Hund“ in der Oktoberausgabe 2009 erschienen und sowohl Autorin und Verlag haben mir die freundliche Genehmigung erteilt diesen Bericht hier bei Weimaraners.dk zu veröffentlichen.

Zuletzt aktualisiert am 04. März 2010
Kommentare
Sehr treffende Worte insbesondere für Freunde des Weimaraners aber auch für sehr viele "optisch geprägte" Hundefreunde, die oftmals erst beim Auftauchen von Verhaltensprobl emen realisieren welcher Natur ihr Hund ist. Leider gibt es aber immer wieder "Vermehrer", die in erster linie ihre Welpen verkaufen wollen und vielfach nur die guten Eigenschaften eines zufriedenen respektive rassenentsprech end gehaltenen Hundes aufzeigen. Dass die "Arbeitslosigkei t" des Tieres Problematiken zur Folge haben kann wird nicht weiter erwähnt.
Ich wünsche, dass Sie Frau Hutfluss mit ihren ehrlichen und zum Nachdenken anregenden Worten viele Menschen erreichen.
Liebe Grüße
Regina Thorlümke
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