King Arthur oder der Elefantenhund
Da stand ich nun inmitten eines Haufens kleiner, wuselnder, entzückender, grauer Weimaraner.
Wie sollte ich mich so für einen von ihnen entscheiden, schließlich ist dies eine 15 Jahres-Entscheidung. Gut immer noch kürzer als beim Mann fürs Leben. Aber immerhin. 15 Jahre.
Meine Katze war nun 16. Alt, verschroben und sehr eigensinnig. Was erwartete mich dann bei einer 15 Jahres-Verantwortung für einen grauen schon seiner Rassebeschreibung nach nicht einfachen Hund.
Nun gut, ich sollte mich wieder auf das Wesentliche konzentrieren.
Das Wesentliche zog grade nicht unerheblich an meinem linken Hosenbein. Och wie süß, und diese Augen. Verführen, geben Versprechen und werden viel von mir verlangen. Nein, ich hatte mich ja hinreichend mit dem Thema beschäftigt. Ein Weimaraner sollte es werden.
10 Jahre nachdem ich seinem Wesen erlegen war. Ein dreiviertel Jahr habe ich nächtelang Informationen zusammen gesucht, mich in Foren rumgetrieben und meinen Freund in den Wahnsinn getrieben. Der war gar nicht begeistert. Ein Hund. Soviel Verantwortung, dabei war er noch nicht über seinen Zenit geschritten, hatte noch nicht mal die 30 hinter sich. Ne, sich soo binden. Das ginge nicht. Und als Erstlingshundeführer so einen Hund? Ich sei verrückt. Nun gut, nach endlosen Gesprächen und der Erkenntnis seinerseits, dass mich nichts aufhalten kann endlich meinen Wunsch zu erfüllen stand ich hier. Auch das hatte viel Einsatz gekostet.
Was wollte ich? Um jeden Preis einen Weimaraner? Egal woher und ohne Papiere? Lange Zeit kein so abwegiger Gedanke. Schließlich postuliert der Weimaraner Klub ziemlich lautstark seine Anti-Nichtjäger-Haltung. An der offiziellen Seite geht bei der Internetrecherche nichts vorbei. Und an dem Satz: „Vermittlung nur an Jäger“ auch nicht.
Also ohne Papiere, von Weimaranerliebhabern, davon gibt es ja genug. Auch von den „Unfällen“ zwischen bekannten Weimaranerhaltern. Ja, ja, sowas passiert ganz rein zufällig. Doch meine langen Nachforschungen brachten unschönes Zutage.
Oft litten diese Hunde an Immunschwächen oder Wesensschwächen. Klar, dass muss nicht immer der Fall sein. Aber warum sollte ich es mir so einfach machen? Schön bequem, auf den Verband schimpfen, seine Hochnäsigkeit rüffeln und sich selber für besser halten.
Das geht immer.

Ich fasste mir ein Herz. Aus Ehrlichkeit, mir und dem Hund gegenüber. Mein Hund sollte aus einer jagdlichen Zucht kommen. Ich wählte die Telefonnummer der Vermittlung für Jäger des Weimaraner Klubs. Mein Herz raste, ich war kurz davor das Telefon wieder aufzulegen, doch dann führte ich ein dreiviertelstündiges, nettes, aufschlussreiches Gespräch und hatte am Ende 6 Telefonnummern von züchtenden Jägern in den Händen. Noch eine Hürde. Ich startete erneut und traute mich. Direkt der zweite Anruf ließ mich verzweifeln. Wie ich auf die Idee kommen könnte als Nichtjäger bei ihm einen Welpen zubekommen. Aber, Aber …ich.
Doch ich hatte ja schon einen Besichtigungstermin, bei einem offiziellen Jäger-Züchter. Ich war aufgeregt, wir fuhren zu zweit hin. Alles toll, super. Riesen Zwinger mit Spielzeugen drin, toll erzogene Mutterhündin, keifende, grässliche Deutsch Jagdterriercheffin. Den ganzen Tag haben wir dort verbracht, mit den Züchtern gesprochen und sind unter die Lupe genommen worden. Doch es waren keine Kinder vorhanden. Das war mir äußerst wichtig, da Weimaraner oft ein Problem damit haben. Bei mir waren sie irgendwann geplant, aber nicht vorhanden. Und wenn mein kleines Patenkind vorbei kommt, wollte ich meinen Hund nicht wegsperren müssen.
Zwei Tage später bekam ich einen Anruf vom keifenden Jäger des zweiten Anrufs, ob ich nicht doch mal vorbei kommen wolle. Er wollte mich mal anschauen. Am nächsten Tag fuhr ich in die Pampa, drittes Kornfeld rechts und hinter dem Maisfeld auf der linken Seite. Und nun stand ich hier inmitten eines wuselnden Haufens. Nach einem Gespräch und Begutachtung durch Mamahund. Sie hatte vor eine paar Tagen einen Jäger ihr Welpenabgabemissfallen durch verbellen geäußert.
Mit mir war sie offensichtlich zufrieden, ließ sich hinter den Ohren kraulen. Ihre A-Wurf-Tochter schleckerte das junge Gemüse ab, und die beiden kleinen Töchter der Familie trugen ihre Kuscheltiere in den Zwinger und tauschten sie gegen einen herumzutragenden Welpen. Alles in allem ein herrlich chaotisch erscheinendes Jägersidyll. Und ich mittendrin. Die kleine Hosenbeinhundefreundin zog nun fester. Süß, aber nicht das, was ich wollte. Etwas zu forsch und aufmüpfig. Außerdem sollte es ein Rüde werden.
Schließlich entschied ich mich ganz spontan und aus dem Bauch heraus. Für den gemütlich davon trottelnden Rüde, welcher sich nicht von seiner aufmüpfigen Schwester ärgern lassen wollte.

16 Monate ist das jetzt her. Und 15 Monate seit er in meinem Leben ist. Die Welpeneigenschaften sind schon lange verflogen und sein eigentliches Charakterbild verfestigt sich langsam. All die Überlegungen die ich mir machte, alle Informationen die man einholt und Erfahrungen von anderen Hundehaltern sind ziemlich schnell in den Hintergrund getreten. Waren nur Leitlinien. Ein Weimaraner ist etwas Besonderes. Er ist zum Beispiel verfressener als alle anderen Hunde, die ich kenne.
Fressbares wird immer aufmerksam verfolgt. Sollte sich etwas aus meinem Blickfeld heraus bewegen: Alarm, Alarm, Alarm.
Ich habe eine lange, ständig anwachsende Klau-Liste. Hier ein kleiner Auszug: ein Kilo Lakritzschnüre, geschätzte 50 Nacktschnecken, ein halber Topf geliebte Linsensuppe, diverse Brotscheiben etc. Dafür hat er nie auch nur einen Schuh angenagt, keine Socken vertilgt oder Sofas geschreddert.
Seine Sturheit hat mich mit so mit großer Unbeholfenheit erwischt, so dass ich erstmals wirklich überfragt war. Aber ich habe ziemlich schnell gelernt einfach den längeren Atem zu haben. Manchmal könnte ich ihn am nächsten Laternenpfahl anbinden, oder meistbietend versteigern, wenn Herr Hund meint alles nicht 10, nicht 20 und auch nicht 50 Mal zu hinterfragen… Nein, Herr Hund hinterfragt sein Leben lang in regelmäßigen Abständen.
Ob Frauchen sich noch sicher ist, dass ich auch wirklich nicht aufs Bett darf? Aber wir sind doch umgezogen. Neue Wohnung, neues Glück. Gleiches Bett? Egal! Ich versuch es. Oh, Frauchen schmeißt mich runter. Och Frauchen schmeißt mich ein zweites mal runter. Ich versuch es später nochmal.
Oft glaube ich die graue Fellfarbe kommt durch die Elefantengene im Weimaranerblut. So eine Dickfelligkeit hab ich selten erlebt. Da hilft nur selten eine tiefe Stimme. Die Stimme sollte praktischerweise immer einen Bassverstärker dabei haben. Dann beeindruckt sie den Elefantenhund auch.

Mein Exemplar ist extrem anhänglich. Nicht, dass er mir immer in jeden Raum folgt. Aber er muss wissen, wo ich bin. Mache ich etwas kommt er gucken.
Vielleicht gibt es was zu essen? Nö, Du saugst nur Staub. Unheimliches Wesen der Staubsauger, der wohnt im Wandschrank. Ich leg mich wieder gemütlich in meinen Korb. Oder darf ich doch aufs Bett? Nein, auch gut.
Der Weimaraner ist ein extrem auf Gemütlichkeit bedachter Hund. Die Doberfrau meiner Freundin liegt meist auf dem Parkett. Meiner steht daneben und schaut mich mit traurigen Hundeaugen an.
Ich hab ein Leben. Hundeleben, so auf dem harten Parkett zu liegen. Eine Decke??? Da kann ich genauso gut im Bad auf den kalten Fliesen liegen. Ich ruf Amnestie International, wenn ich nicht sofort einen Korb und eine Decke bekomme. Sonst muss ich den Rest des Tages stehen. Na gut, ich leg mich hin, aber nur für 2 Minuten. Ich steh wieder auf. Es ist zu kalt, zu hart, zu ungemütlich für meiner einer.

Sein Jagdtrieb ist nicht zu verachten. Und ich habe noch ein Exemplar, welches keine Jagdrakete ist. Doch er ist, wenn man sich mit seinem Charakter auskennt, lenkbar. Was nicht heißt, dass er immer kontrollierbar wäre. Man muss lernen vorausschauender zu sein, als der Hund selbst. Und viel mit ihm arbeiten. Wird er nicht beschäftigt, wird er unleidlich. Hundeschule ist von Anfang an ein Muss. Regelmäßiges Training und Lernen ist unerlässlich. Vernachlässige ich das kontinuierliche Arbeiten geht er seinen eigenen Weg. Ganz sicher ist der Weimaraner kein Hund für Vollzeitberufstätige, die ihn nicht auslasten können.
Aber das Auslasten macht Spaß. Ich entdeckte völlig neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, denn viel Zeit für anderes bleibt nicht übrig.
Wie stolz ich werde, wenn Herr Hund mit Freude sucht und korrekt apportiert und vorsitzt. Doch er fordert, viel und mehr. Ich kam auf nette Ideen. Samstags darf er mit mir Brötchen holen, bekommt sein eigenes. Apportiert es fleißig bis zur Haustür, bekommt es als Belohnung. So arbeiten wir uns langsam hoch. Ich würde gerne mehr arbeiten, leider fehlt es an Gruppen. Hundesport ist nix für ihn und mich. Schäferhunde, sklavisch an Herrchen´s Bein hängend, die auf Kommando versteckte Menschen verbellen. Das würde Herr Hund auch so tun. Dessen muss man sich bewusst sein und damit arbeiten, es in die richtigen Bahnen lenken. Das Schutzpotenzial ist erheblich und nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.
Mantrailling, Fährtensport, Rettungshundearbeit. Es gibt viele Möglichkeiten. Wir sind nun auf dem Weg zu den Jägern. Zumal mich die Zusammenarbeit zwischen Hund und Jäger schon immer faszinierte. Interessante, neue Aufgaben lösen. Es gibt Gründe, warum dies ein Jagdhund ist.
Der graue Hund ist nichts für Jedermann.
Ich kann ihn nicht bei Jedem lassen, wenn ich mal einen Aufpasser brauche. Er tanzt schnell vielen auf der Nase rum, die nicht konsequent und streng genug sind. Und er ist ein starker Hund, für manche sogar Angsteinflößend. Eine Wirkung die ich anfangs nicht nachvollziehen konnte, die aber verständlich ist. Jeder zweite Satz ist: Was für ein hübscher Hund. Was ist das denn für eine Rasse? - Woher bekomme ich so Einen?
Ja, es sind unbestreitbar hübsche Hunde, aber die sind noch so unendlich viel mehr. Wer einen Weimaraner führt, der weiß das. Alle anderen können sich nur besten Gewissens informieren und wenn er ihr Leben passt, sich dann selber überraschen lassen.
Dies ist ein persönlicher Erfahrungsbericht und die persönliche Meinung von Carola D. (Dezember 2008)
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